Was sagt die Forschung?

Unzählige Wirkstoffe werden geprüft, aber nur die wenigsten werden dann als Medikament zugelassen.

Bevor ein Medikament zugelassen wird, müssen vier klinische Phasen überstanden werden.

Phase I: Die Aufnahme des Wirkstoffes und Überprüfung der Nebenwirkungen an ca. 20 - 80 gesunden Menschen.

Phase II: Der neue Wirkstoff wird erstmals an Patienten angewandt, die an jener Krankheit leiden, gegen die das Mittel wirken soll.

Phase III: Die Wirksamkeit des Arzneimittels wird an einer größeren Gruppe getestet (über 500 Patienten). Zusätzlich wird eine Vergleichsgruppe mit einem Placebo behandelt.

Nach Phase III erfolgt die Zulassung des Medikaments. Von der Entwicklung bis zur Zulassung können mehrere Jahre vergehen.

Nach Abschluss dieser Phase wird die Marktzulassung bei der Arzneimittelbehörde beantragt; bei der FDA – zuständig für den US-Markt, bei der EMEA – für Europa.

Phase IV: Nach der Zulassung wird das Arzneimittel in einer Langzeitstudie geprüft.

Mitte September letzten Jahres fand in Boston der welt-größte MS-Kongress statt. Veranstaltet wurde dieser Kongress von ECTRIMS (European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis) und ACTRIMS (American Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis).

Etwa 9000 Neurologen nahmen daran teil, um Ergebnisse auszutauschen.

Eine Auswahl der Ergebnisse:

MS aufhalten – neue Therapieansätze

Daclizumab: 1800 Betroffene mit schubförmig-remittierender MS (RRMS) waren an der Phase-3-Studie beteiligt; festgestellt werden konnte eine Reduktion der jährlichen Schubrate und der Krankheitsaktivität. Nebenwirkungen: schwerwiegende Infektionen, Hautirritationen, Leberwertveränderungen. Es ist geplant, 2015 den Antrag auf die Zulassung des Medikamentes zu stellen.

Generisches Glatiramercetat (GTR): 735 Patienten mit RRMS wurden auf Wirkung und Nebenerscheinungen bei GTR und Copaxone getestet. Die Ergebnisse der Wirkstoffe waren sehr ähnlich.

Fingolimod-Modulator – RPC1063: Phase-2-Studie mit 258 Betroffenen mit schubförmiger MS; Reduktion der Krankheitsaktivität; Nebenwirkungen: Infektionen der Atemwege und Harnwege, Kopfschmerzen.

MS aufhalten – Hinweise auf das Fortschreiten der Krankheit

Körpertemperatur? Bei 111 Patienten mit RRMS und 85 gesunden Personen wurde die durchschnittliche Körpertemperatur verglichen. Die Temperatur war bei der RRMS-Gruppe höher, hingegen bei Patienten mit sekundärem Verlauf niedriger. Möglicherweise kann damit der Übergang vom schubförmigen zum remittierenden Verlauf erkannt werden.

MS und weitere Erkrankungen: Bluthochdruck, Diabetes oder Herzerkrankungen können auch parallel zu MS auftreten. Bei 9.000 Menschen wurde im Rahmen einer Studie festgestellt, dass weitere Erkrankungen das Risiko eines Behinderungsfortschrittes erhöhen. Positiv beeinflusst werden kann der Fortschritt der Behinderung, wenn diese behandelt werden.

Cholesterin als Progressions-Marker bei MS? Das Myelin besteht zum Teil aus Cholesterin. Niederländische Forscher sind auf der Suche nach einem Biomarker für den Krankheitsfortschritt. Studien mit Mäusen bestärken sie darin.

Myelin-Reparatur: Patienten mit schubförmiger MS wurden im Rahmen einer Phase-1-Studie mit gezüchteten und injizierten Stammzellen behandelt. Die Krankheitsaktivität stieg nicht an und es traten keine ernsthaften Nebenwirkungen auf. Eine größere Studie ist geplant.

Umwandlung von Hautzellen in Stammzellen: Einem europäischen Wissenschaftlerteam gelang es, in nur einem Schritt die Hautzellen der Maus in Gehirnstammzellen umzuwandeln. Bisher waren viele Schritte dazu notwendig.

Reparaturzellen zu den Läsionen bringen: Im Gehirn befinden sich unreife Myelin-Reparaturzellen. Chemische Faktoren können diese aktivieren und zu den Läsionen bringen, um dort die Myelin-Reparatur zu verbessern. Entsprechende Reparaturstrategien werden entwickelt, um diese am Menschen testen zu können.

Rehabilitation

Videospiele und interaktive Videokonsolen: Kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Arbeitsgedächtnis können bei MS-Betroffenen verbessert werden. Italienische Forscher konnten nachweisen, dass auch die Vernetzungen zwischen Gehirnbereichen verbessert werden können.

Aerobes Fitnesstraining: Es könnte die Schrumpfung des Hippocampus (Region im Gehirn, die an allen wesentlichen Gedächtnisprozessen beteiligt ist) bei MS verzögern und so die Gedächtnisleistung verbessern.

MS-Risikogene

Das Internationale MS-Genetik-Konsortium kam zum Schluss, dass es wahrscheinlich hunderte von bisher nicht entdeckten MS-Risikogenen gibt.

Inzwischen wurden mehr als 159 genetische Variationen identifiziert, die in einem Zusammenhang mit MS stehen.

Neue Wirkstoffe können dann entwickelt werden, wenn die spezifischen Immunzellen und Proteine identifiziert sind und als Risikofaktor eingeordnet werden können.

Lebensstilfaktoren

Vitamin D und Gene: Forscher fanden heraus, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel bei Kindern mit einem spezifischen Immun-Gen mit einem höheren MS-Risiko in Verbindung gebracht werden konnten.

Vitamin D-Einnahme bei Teenagern: Norwegische Wissenschaftler befragten rund 3.000 Personen. Personen, die im Alter von 13 bis 18 Jahren Dorschleberöl eingenommen hatten, waren einem weitaus niedrigeren Risiko an MS zu erkranken ausgesetzt, als jene, die kein Dorschleberöl eingenommen hatten.

Ernährung: Amerikanische Wissenschaftler untersuchten, welchen Einfluss Ernährungsgewohnheiten auf das Risiko an MS zu erkranken haben. Sie konnten keinen Zusammenhang feststellen.

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