Chronik eines beliebigen Tages von einer MS-Erkrankten

In den letzten Jahren verbringe ich meine Tage ganz anders als früher, aber sie sind deshalb nicht langweiliger geworden. Dabei kann man nicht leugnen, dass mir bestimmte Dinge von früher fehlen, wie z.B. mein Beruf. Noch mehr natürlich die Möglichkeit, mich im Haus und auch außerhalb frei und unabhängig bewegen zu können. In der Tat hat es mir gefallen, ohne Einschränkungen die gewünschten Orte erreichen zu können. Besonders das Autofahren gab mir ein Gefühl von großer Freiheit. Positiv ist allerdings, dass ich jetzt eindeutig mehr Zeit zur Verfügung habe, um die Dinge, die mich interessieren und die ich noch machen kann, zu erledigen.

Den Großteil meines Tages verbringe ich in meiner Wohnung entweder in der Stadt oder auf dem Land. Abgesehen von meinen Beschäftigungen meist häuslicher Art, scheint mir, als ob ich mich besser behütet und folglich sicherer fühlen würde, wie in einer Schale, welche die Schläge, die von außen kommen, abschwächt. Wie die Triestiner Schriftstellerin Susanna Tamaro schreibt, erinnert das Älterwerden – und ich persönlich zähle auch die Krankheit dazu – an die Entwicklung der Auster, deren Schale mit der Zeit einerseits härter, aber andererseits zerbrechlicher wird, so dass sie Gefahr läuft, den Belastungen der laufenden Ereignisse nicht mehr standhalten zu können.

Ich möchte hier versuchen einen typischen Tagesablauf von mir zu beschreiben.

Ich habe keine genaue Uhrzeit zum Aufstehen und Frühstücken, aber normalerweise weckt mich mein Mann zwischen halb acht und acht Uhr. Es ist schön sich ohne Eile an den Tisch setzen zu können! Dann gehe ich ins Bad und dort versuche ich auf meine persönliche Pflege nicht zu verzichten, obwohl natürlich die Zeiten sehr viel länger geworden sind und ich auch Hilfe benötige. Aber ich mache es gern für mich selbst und aus Respekt vor den anderen.

Ab diesem Moment sind meine Vormittage nicht alle gleich. Manchmal gehe ich hinaus, um etwas einzukaufen, natürlich immer in Begleitung, aber öfters begebe ich mich in ein Cafè in eines der Dörfchen in der Nähe von Bozen. Die Stadt liebe ich nicht besonders, lieber halte ich mich in der Natur auf. Manchmal bleibe ich auch zu Hause und widme mich dort vor allem dem Schreiben. Diese Tätigkeit befriedigt mich und lenkt mich von den Problemen ab, die die Krankheit zwangsläufig mit sich gebracht hat. Auch das Lesen vernachlässige ich nicht, allerdings kann ich nur in sehr eingeschränktem Maße lesen, da meine Augen sehr schnell müde werden.

So geht die Zeit auf Mittag zu und wie beim Frühstück, schätze ich die Tatsache, dass ich auch das Mittagessen in aller Ruhe zu mir nehmen kann.

Darauf folgen zwei Stunden, die der Erholung gewidmet sind. Ich schlafe tief, da ich aufgrund der großen Schwäche, an der ich leide, meistens besonders müde bin.

Nach dem Aufwachen gestalten sich die Nachmittage unterschiedlich. Oft bekomme ich Besuch oder Anrufe von Verwandten oder Freunden, die ich auch gerne erwidere. Leider ist in den letzten Jahren auch die eine oder andere Freundschaft erlöscht, vielleicht gerade wegen der neuen Gewohnheiten, welche die frühere Zeitgestaltung überlagert haben. Ich habe aber andere Personen gefunden, die mit mir nicht nur die neuen Hobbies pflegen, sondern auch die Leiden teilen, welche die Krankheit mit sich gebracht hat.

Im Winter hat dann die Dunkelheit schon bald alles eingehüllt. Und das gefällt mir, vielleicht deshalb, weil ich mich geschützter fühle, wenn der Horizont nicht über meine eigene Wohnung hinausreicht. Ich mag das gedämpfte Licht, vor allem das Kerzenlicht, das mir ein Gefühl von Wärme und Gemeinschaft gibt.

Inzwischen ist es Zeit zum Abendessen; danach muss ich mich wieder kurz hinlegen, um ein bisschen zur Kraft zu kommen.

Der Tag geht so dem Ende zu, aber für mich bleibt noch ein bisschen Zeit.

Ich höre gerne die lokalen und die nationalen Nachrichten, um über die Geschehnisse auf dem Laufenden zu sein. Dann verfolge ich verschiedene Fernsehsendungen. Wenn mich eine besonders interessiert, kann ich fast vollkommen abschalten, meine Situation vergessen und in eine andere Welt eintauchen. Dann natürlich bin ich wieder recht müde und begebe mich zur Nachtruhe.

Das ist, zusammengefasst, einer meiner Tage, die sich ohne große Änderungen oder interessante Zerstreuungen wiederholen.
Es ist mir nicht gestattet, an die Vergangenheit zu denken oder Vergleiche anzustellen. Die Traurigkeit lauert nämlich an jeder Ecke, bereit mich aufzusuchen und mich zu überwältigen.

Ich schließe mit einem Gedanken des brasilianischen Schriftstellers und Dichters Paulo Coelho, der auch meine Hoffnung wiedergibt: Eines schönen Tages wird alles einen Sinn haben. Lass dich daher im Moment nicht deprimieren…, lächle durch die Tränen hindurch und versuche zu verstehen, dass alles was geschieht, einen Grund hat.

Patrizia Millo

empty